The Lost Coast – updated

The Lost Coast – updated

Highway 101 North in Eureka

Crescent City

Die junge Bedienung im Diner kann die braun-blauen Griffmarken an ihren dünnen Oberarmen und den Bluterguß zwischen Nasenwurzel und Augenhöhle kaum von einem Kunden bekommen haben, dazu ist sie viel zu freundlich. Der Laden ist gut besucht, was nicht verwundert wenn man weiss, dass es das einzige geöffnete Lokal weit und breit ist und den Gästen des benachbarten Hotels 20% Rabatt anbietet. Dabei sind die Preise auf der Karte ohnehin vergleichsweise günstig. Das Straßendorf an der Pazifikküste bietet die gleichen, fast wie Baracken anmutenden Gewerbebauten am Straßenrand, wie so viele andere Orte entlang des legendären Highway 101 auch. „Native made Mocassins“ und „Smoked Salmon“ gibt es im Gift-Shop in einem magentafarben gestrichenen Holzbau, das Ocean World Aquarim gegenüber lockt mit einem über dem Eingang hängenden Plastik-Riesenhai, der einladend die Zähne fletscht. Ein grauer Schuppen gegenüber verkauft eine interessante Kombi aus „Music, Jewelry, Leather Goods, Arms, Metal Detectors, Tools“ und „Electronics“ – hier ist für jeden etwas dabei.
The Lost Coast – Eureka

So wunderschön, eindrucksvoll und abwechslungsreich die nordkalifornische Küstenlandschaft sich auch präsentiert – die Ortsdurchfahrten sind an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Lieblos an die Straßenränder gestellte Bretterbuden, in denen viele Läden leer stehen, dazwischen ab und zu eine Burgerbar vor der mattgestrichene Pick-Up Trucks mit überbreitem Radstand signalisieren, dass mit den Gästen hier nicht gut Kirschen essen ist.

„The Lost Coast Brewery“ nennt sich ein Brauerei-Restaurant auf dem Sunset-Boulevard in Eureka sehr treffend. Auch dieses Lokal mitten in Downtown ist voll besetzt, ein zweites geöffnetes haben wir nicht gefunden, obwohl uns nicht nur die Reiseratgeber im Web sondern auch unten an der Hafenpromenade eine Ortsansässige versichert hatte, dass es Downtown, oberhalb der 4. Strasse jede Menge Geschäfte und dutzende Lokale geben müsse. Wir waren ihrem Rat schnell gefolgt, denn die Häuser an der Uferpromenade waren zwar fein herausgeputzt, aber die Gegend erwies sich schnell als ziemlich ungastlich, statt der erwarteten Terassenrestaurants hatten auch hier viele Obdachlose ihre Schlafsäcke ausgerollt. Nach längerem Fußmarsch hatten wir also wenigstens die Brewery gefunden. Drinnen die ganz typische Mischung US-Amerikanischer Landbevölkerung, viele gedrungene, vollbärtige T-Shirtträger mit Oberarmen, die schon durch ihren Umfang jeden Ansatz zu einem Streitgespräch im Keim ersticken würden. Dazu jede Menge extrem anspruchslos gekleideter, aber grell geschminkter Mütter und dazwischen ein paar alte Männer, bei deren Anblick man sich nicht sicher ist, ob sie ihre Mahlzeit überhaupt bezahlen könnten.

Nur ein paar hundert Yards entfernt ragt ein klotziger Betonbau mit winzigen Fensteröffnungen in die Höhe. „Humboldt County Correctional Facility“ steht unten am hermetisch abgeriegelten Portal. Ist es Absicht oder ungewollter Sarkasmus, dass die Fassade des Baues entfernt an Stars and Stripes erinnert? Immerhin ist dies ein Knast der kurzen Wege, nicht nur weil er in Downtown liegt, amerikanisch-pragmatisch befindet sich das Gericht im gleichen Gebäudekomplex. Sollte jemals einer der gefürchteten Tornados durch Eureka rasen, dürfte das County-Jail eines der wenigen Gebäude sein, die in der Lage wären einem solchen Sturm zu trotzen. Eine interessante Prioritätensetzung angesichts der umgebenden Wohngebäude in Holzrahmen-Leichtbauweise.

Dabei hatten wir ein paar Dutzend Meilen vorher, im kleinen Städtchen Arcata erlebt, dass es auch so etwas wie ein belebtes Zentrum geben kann, wenn nur ein paar Studenten im Ort leben. Rund um einen schön begrünten Platz findet sich hier ein hübsches Cafe, ein Vintage Plattenladen, einige ambitionierte Shops und nicht weit entfernt ein kleines Kino und eine Konzerthalle.

Auch Eureka hat so ein kleines Ortszentrum, allerdings um diese Jahreszeit nicht annähernd so belebt, wie das von Arcata. Hier prägen vor allem durchreisende Gäste das Straßenbild, darunter viele Senioren. Ob es an der Vorsaison liegt, oder eine Folge der vergangenen Corona-Jahre: Viele Läden sind geschlossen oder stehen ganz leer.

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